einander begegnen
  • Schulgemeinschaft stärken
  • Menschen mit Benachteiligung wert schätzen
  • fremde Kulturen kennen lernen
  • Menschenrechte achten und
  • Frieden schaffen




Die zweite Säule unserer schulischen Arbeit heißt: einander begegnen.

In einer Zeit von Technisierung, Mobilität und weltumspannender Kommunikation ereignet sich Begegnung täglich tausendfach. Am Arbeitsplatz, in der Freizeit, zu Hause oder in der Öffentlichkeit – immer treffen wir auf Menschen, mit denen wir zu tun haben. Nicht anders ist es in der Schule. Lehrkräfte, Eltern und Schüler/innen bilden für eine bestimmte Zeit eine Gruppe, die dem Zweck dient, Bildung zu vermitteln bzw. anzunehmen, sie zu organisieren oder zu finanzieren. Aber es ist nicht nur das gemeinsame Ziel, das sie verbindet, es wirken hier auch die Kräfte Verantwortung, Sympathie und Achtung, gekreuzt von ihren Gegenspielern Respektlosigkeit, Antipathie und Neid. Schulgemeinschaft ist also ein sensibles Beziehungsgeflecht. Dabei ist es wichtig, aus dem bloßen Zweckverband eine Schulfamilie werden zu lassen. Eine ganze Reihe verschiedener Maßnahmen, Aktivitäten und Aktionen dient dazu, die Gemeinschaft und damit den Einzelnen zu stärken. Aber es sind nicht alle stark im Sinne einer leistungsorientierten Gesellschaft. Vielen Menschen fehlen dazu wesentliche Voraussetzungen: Gesundheit, wirtschaftliche Sicherheit, Frieden. UNESCO-Schulen machen es sich immer auch zur Aufgabe, ihre Solidarität gerade mit Benachteiligten zu bekunden. Das Wort stammt vom lateinischen "solidus" ab und bedeutet "eng verbunden" sein. In vielen Projekten wird diese Verbundenheit gerade mit Menschen ausgedrückt, denen Anteilnahme und Wertschätzung der Gesellschaft fehlen. Manche mögen vielleicht fragen, ob dies nicht vielmehr Aufgabe der Zeit neben und nach der Schule sei. Aber Schule darf nicht nur für die Schule da sein. Wir sollen hier "für das Leben lernen". Doch ist Schulzeit nicht auch schon Leben? Wenn einem das bewusst ist, dann muss man sich öffnen für das Leben und das heißt immer auch, sich für andere Menschen öffnen – auch für die, die benachteiligt sind.

Ein indianisches Sprichwort sagt: "Urteile über keinen Menschen, ehe du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gegangen bist!" Die Schritte eines anderen zu gehen, wenigstens eine kleine Weile, ist die beste Methode, ihn kennen und verstehen zu lernen, ihn zu begreifen. Der Blick "über den Tellerrand" ist also wesentliche Voraussetzung für ein reifes Urteilen und Handeln. UNESCO-Schulen halten aus diesem Grund die Begegnung mit fremden Ländern, mit anderen Lebensformen, anderen Kulturen für ganz besonders wichtig und versuchen deshalb, sie verstärkt in die unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Aktivitäten einzubeziehen. Ziel solcher Begegnungen ist es, aus ihnen Beziehung werden zu lassen.

Wenn man jedoch von etwas oder jemandem angezogen wird, dann entsteht dieses unsichtbare Band, das Menschen zusammen hält. Allerdings wurden und werden im Zusammenhang mit diesen Überlegungen auch viele Fehler gemacht: Ein Band kann so eng gezogen werden, dass es einschnürt und es kann um jemanden geschlungen werden, der es gar nicht will! Im privaten und im öffentlichen Leben gibt es Tausende von Beispielen dafür, in der Geschichte genauso wie in der Gegenwart. Nur die Achtung vor dem Menschen und seiner Würde kann deshalb Maßstab für unser Handeln sein, nur sie Frieden sichern. Auch diese Gedanken müssen mitschwingen, wenn Solidarität glücken soll.

Renate Pröbstl